Kampfsport und Sex
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Kampfsport und Sex
Jeder aktive Sportler stellt sich wohl früher oder später die Frage, ob sexuelle Aktivitäten sich irgendwie auf seine Leistungen auswirken können. Auch Trainer stellen sich manchmal stellvertretend für ihre Aktiven diese Frage, unter Umständen mit mißvergnüglichen Ergebnissen für die Wettkampfteilnehmer.
Wer versucht, sich aus der wissenschaftlichen Literatur eine Antwort zu suchen, hat es schwer. Zwar haben sich verschiedene wissenschaftliche Fachgebiete mit dieser Frage beschäftigt, ein anerkanntes Forschungsgebiet ist jedoch nicht daraus geworden. Stattdessen finden sich nur ganz vereinzelt Hinweise auf Studien, die meistens nur in den jeweiligen Fachpublikationen zugänglich sind. Ich will hier diesem Thema nachgehen und dem Interessierten einen Überblick über das Thema “Kampfsport und Sex” anbieten.
Bisherige wissenschaftliche Aufarbeitung
Außer der Sportwissenschaft hat hauptsächlich die Humanbiologie (Anthropologie) Interesse an Studien im Zusammenhang mit Physiologie und Sex, wobei die meisten Fragestellungen sich mit seinen Auswirkungen auf den Hormonhaushalt befassen. Allerdings sind diese Studien meist in wissenschaftlich wenig aussagefähigen Selbststudien entstanden. Dieser Situation ist auch kaum abzuhelfen, denn für einen Geschlechtsverkehr mit Sauerstoffmaske (zur Kontrolle des Sauerstoffverbrauchs z.B.), EKG-Verkabelung (Messung von Herzschlag und Pulsfrequenz) und eventuell hinterher eine Blutentnahme sind verständlicherweise nur schwer freiwillige Probanden zu finden.
Für wissenschaftlich verlässliche Ergebnisse hält man sich also besser an die Sportwissenschaft. Das hat auch den Vorteil, daß kulturelle und soziale Faktoren besser berücksichtigt werden als bei Arbeiten mit eher physiologisch ausgerichtetem Interesse. Über einige positive Wirkungen sind sich jedoch alle Studien einig:
Geschlechtsverkehr...hat für Herz und Kreislauf einen Konditionseffekt wie ein Dauerlauf...verbraucht entsprechend Kalorien...erzeugt einen allgemeinen Entspannungseffekt...und macht Spaß.
Übrigens: Küsssen entspannt die Gesichtsmuskulatur (gut gegen Kopfschmerzen) und stärkt das Immunsystem (beugt also Infektionen, z.B. Erkältungen, vor).
Einen guten Überblick über die sportwissenschaftliche Beschäftigungen mit dem Thema >Körperliche Leistung und Sexualität < bietet die Publikation Sportdokumentation des Bundesinstitutes für Sportwissenschaft, in dem jährlich alle wissenschaftlichen Studien rund um den Sport nachgewiesen werden.
Im Zeitraum der letzten etwa zehn Jahre sind entsprechende Referenzen ausgesprochen spärlich gesät. Ein einziger Eintrag von 1982 faßt eine amerikanische Studie zusammen, die zu Beginn der Schlußfolgerungen weitere wissenschaftliche Erforschung des Gebietes für nötig erklärt und dann fortfährt: „es scheint, daß sexuelle Aktivität Leistung nicht verringert, es sei denn, sie ist begleitet von einer Gewöhnung an spätnächtliche Geselligkeit, Schlafverlust, oder Trinken.“ (Mark Anshel, Effects of sexual activity on athletic performance, in: Physician Sports Medicine, Minneapolis, 9, (1981), 8, S. 65 - 68, zit. nach Sportdokumentation 1982, Bd. 1, S. 145, Hrsg. Bundesinstitut für Sportwissenschaften; (Übers. d. Verf.)
Dieser enttäuschend dünne Schluß dürfte auch ohne wissenschaftliche Studie jedem Aktiven aus eigener Erfahrung gelingen.
Auch in Sportlexika ergibt sich unter dem Stichwort „Sexualität“ein trübes Bild: die 5. Auflage des Sportwissenschaftlichen Lexikon, 1983, Hrsg. Peter Röthig, hat immerhin einen Artikel zum Stichwort. Das Lexikon Sportwissenschaft, Sportverlag Berlin 1993, nennt nicht einmal das Stichwort; und das Wörterbuch der Sportwissenschaft, Verlag Karl Hoffmann, Schorndorf 1987, übernimmt den Artikel „Sexualität“ Wort für Wort aus dem Sportwissenschaftlichen Lexikon (kein Wunder, ist doch dessen Herausgeber einer der Autoren des Wörterbuch).
Popularisierung psychologischer Diskussionen?
Ich vermute, daß die aktuelle breite Ignoranz des Themas tiefere Gründe hat, die außerhalb der Sportwissenschaft liegen. Das Thema Sport und Sex hat sich in keiner wissenschaftlichen Disziplin als eigenständiges Forschungsgebiet etabliert; es gibt also immer noch keine gesicherten Erkenntnisse, die als wissenschaftlicher Standard akzeptiert werden können.
Stattdessen ist anzunehmen, daß die Auffassungen zum Thema „Sport und Sex“ auf Popularisierungen vergangener wissenschaftlicher Diskussionen beruhen.
Aus der wissenschaftlichen Diskussion psychologischer Theorien sind wahrscheinlich die verbreitetsten Popularisierungen zum Thema hervorgegangen. Zwei Beispiele werden hier kurz skizziert, um dann die vermutlichen Hintergründe solcher Auffassungen zu ergründen.
Sigmund Freud vertrat z. B. die Auffassung, daß Lebens- und Todestrieb einer gemeinsamen Quelle entstammen. Diese lebensnotwendige Energie wird durch seelische Vorgänge in eine bestimmte Richtung kanalisiert (auf ein Objekt gerichtet), und fehlt dann an anderer Stelle. Trainer machen sich eine popularisierte Version dieser Auffassung zunutze, wenn sie die Energien des Aktiven für den Wettkampf >aufsparen< wollen und darum meinen, verhindern zu müssen, daß sie in sexueller Aktivität >verschwinden<.
Eine für den Aktiven erheblich unangenehmere Auffassung wird in der Popularisierung einer späteren psychologischen Erkenntnis über Frustration deutlich.
Sexuelle Abstinenz soll Frustration des Aktiven auslösen, die dann in Aggression gegen den Wettkampfgegner umgesetzt werden soll. Diese Variante nennt auch die oben genannte amerikanische Studie.
Der hauptsächliche Denkfehler in beiden Popularisierungen liegt in der vorgestellten Zwangsläufigkeit der seelischen Umwandlungsprozesse. Warum soll die, sicher eintretende, Frustration des Aktiven sich nicht z. B. gegen den Trainer richten, der sich mit veralteten Populärtheorien in dessen Privatleben einmischt? Und erzielt nicht ein ausgeglichener, auf den Wettkampf konzentrierter Aktiver bessere Ergebnisse als ein aggressiver, also emotional abgelenkter?
Gründe
Gründe für solches Gegeneinanderstellen von hier >Sport< und da Sexualität als negativ eingesetztes Disziplinierungsinstrument entstehen daraus, daß die grundsätzliche Auffassung von beidem trotz der geistigen Aufbrüche der „68er“ noch nicht überwunden ist. So wird die „Leibesertüchtigung“ seit dem Aufkommen des individualisierten Leistungsgedankens als unbequeme Selbstkasteiung betrachtet, die aber durch moralisch erhabene Ziele gerechtfertigt ist. Sexualität ist demgegenüber etwas teils Schmutziges, teils Verweichlichendes und Geheimnisvolles geblieben („und ewig lockt das Weib“). Sexualität ist also generell mit Leistung nicht vereinbar, und gerade für Sportler gefährlich; die >Manneskraft< (!) ist ja tatsächlich erst mal weg - „6.000 Schuß - und dann ist Schluß!“
Auch die eingangs festgestellte Abstinenz der modernen Sportwissenschaft von diesem Thema beruht letztlich auf solchen Zuordnungen - Sport und Sex passen eben auch in der Wissenschaft noch nicht nahtlos zueinander.
Ideologische Überbleibsel
Überbleibsel solcher >Selbstkasteiungs-Ideologie< sind in der Sportpraxis durchaus noch zu finden. Gerade im Kampfsport, der ja ohnehin modernen trainingswissenschaftlichen Erkenntnissen eher desinteressiert gegenübersteht, kristallisiert sich diese Auffassung immer wieder heraus. „Wenn du dich heute selbst besiegst (kein Bier mehr trinkst, noch eine Trainingsrunde einlegst, die Finger von deiner Freundin läßt ...) besiegst du morgen auch den Gegner!“ Welcher Aktive sowas noch nicht selbst gedacht hat - der werfe das erste Kondom.
Ein weiteres Überbleibsel der Gleichsetzung von >Selbstkasteiung< im Sinn von Triebunterdrückung und >gutem< Sport zeigt sich in unserer modernen bürgerlichen Gesellschaft auch in der Ablehnung von rauschhafter Enthemmung. Sportler und Fans, die als „anständig“ angesehen werden wollen, dürfen keinerlei Anzeichen von rauschhaften, selbstvergessenen Zuständen zeigen. Entgrenzung, Enthemmung ist eines der generellen Merkmale für >schlechten< Sport - wenn ein Sportler anerkannt werden will, darf er z. B. keine allzu innige Beziehung zum Alkohol zeigen (Axel Schulz). Auch aus diesem Grund ist Sex noch immer ein Tabu-Thema im Zusammenhang mit Sport. Man stelle sich z. B. die Reaktionen auf eindeutig identifzierbare Geräusche aus einer Umkleidekabine, Toilette o. ä. während eines Wettkampfes vor. Und wenn der Wettkämpfer >trotzdem< gewinnt?
Eine >geordnete< Sexualität (feste Freundin, Ehefrau) ist eine Art sozialer Unbedenklichkeitsnachweis. Ausufernde oder ungeregelte Sexualität, Drogen- oder Alkoholkonsum dagegen disqualifiziert einen Sportler als Vorbild, speziell für die Jugend, die der Sport laut Selbstinszenierung sein will (z. B. die Plakataktionen des Deutschen Sport Bundes). Darum muß die gesamte Körperlichkeit eines Sportlers im >guten< Sport buchstäblich bedeckt gehalten werden.
Womöglich liegt hier auch einer der Gründe für die spöttelnde Abneigung, die >guter< Sport, auch Kampfsport, gegen das Bodybuilding bekundet (>Eiweiß-Bomber<). Die Richtlinien für Bodybuilding-Wettbewerbe verbieten aber mittlerweile das Posieren mit vorgebeugtem Oberkörper (um die Gesäßmuskulatur heraustreten zu lassen), und regulieren den Schnitt der posing-slips. Auch Bodybuilding will >guter< Sport sein und ernst genommen werden:
Prahlt ein Bodybuilder: „Hier sind achtzig Kilo Dynamit!“ Seine Freundin: „ ... aber so eine mickrige Zündschnur!“ Der Bodybuilder sieht, gemäß den Regeln des >guten< Sport, ausschließlich den Lohn seiner sportlichen Anstrengungen - und seine Freundin erinnert ihn daran, welche Realitäten dafür ausgeblendet werden müssen.
Aus dieser Perspektive gesehen praktiziert auch Kampfsport >falsche< Körperlichkeit. Darum steht Kampfsport als unsportliches Schmuddelkind da, das niemand anerkennen will, um sich nicht selbst in schlechten Geruch zu bringen - körperliche Schäden! enthemmte Aggressivität! übertriebenes Männlichkeitsgehabe! durchtrainierte Boxer in kurzen Hosen mit nacktem Oberkörper! Tätowierungen und Piercings! Ultimate-Cage-Fights! Axel Schulz! - so etwas darf aus der Perspektive des >guten< Sports nicht richtig sein. Das Schmuddelkind Kampfsport wehrt sich aber und setzt - nun gerade! - stolz sein Anderssein in Szene.
Plädoyer für das „Falsche“
Einer Gesellschaft, die die persönliche, willkürliche Gewaltausübung unter Strafe stellt, kann Kampfsport nur verdächtig sein. Dabei wird übersehen, daß sich die Regeln für >guten< Sport längst soweit im Kampfsport durchgesetzt haben, daß sie fest in die Psyche der Kämpfer eingewachsen sind. Der Kämpfer darf zwar verletzen, er darf aber niemals verletzen wollen. Diese kampfsportspezifische Fairneß bleibt dem oberflächlichen Blick verborgen, der sich an blutigen Gesichtern und Tätowierungen (Unterschicht! asozial!) aufhält, und so natürlich nicht verstehen kann, warum die Kämpfer sich hinterher trotzdem umarmen und zusammen in die Kneipe gehen. Hier bietet die sichtbare Oberfläche des Kampfsports das genaue Gegenteil der gewohnten Sportbilder (z.B. Fußball).
So können im Kampfsport alle Arten >falscher< Körperlichkeit gefunden werden, weil sich der interessierte Blick gierig an der vom >üblichen< Sport so abweichend inszenierten Oberfläche aufhält. So kann er nicht erkennen, daß auch Kampfsportler zu den Befürwortern des >guten< Sports zählen - sie inszenieren ihn nur anders.
So bietet sich Kampfsport als Erlebnis des aufregend Anderen geradezu an. Da Kampfsport-Insider aber die wahren Zusammenhänge kennen und darum genau wissen, daß sie faire Sportler sind, können sie die Inszenierung als übernormale Männer-Attrappe genießen, die zudem ein heimliches Gebot einlöst: du sollst ein richtiger Mann sein!
Merke: Wo >richtiger< Kampfsport stattfindet, werden echte Kämpfe nicht mehr geduldet. Dies bewirken die Wertvorstellungen des >guten< Sports, die längst auch im Kampfsport wirksam sind. Darum bietet gerade der Kampfsport ein Beispiel dafür, daß guter Sport auch mit einer bewußten Inszenierung von Körperlichkeit möglich ist. Hier bietet der Kampfsport den Anstoß für ein offeneres Verhältnis zur Sexualität im gesamten sportlichen Umfeld.
Wenn Thaiboxen wirklich olympische Disziplin wird und trotzdem nicht zum Mediensport absinkt, könnte die zu erwartende Breitenwirkung der Anfang einer entsprechenden Entwicklung sein.
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